Offener Brief zum Weltfrauentag
10. März 2011 16:55
Das Letzte, was ich mit diesem Brief bezwecke, ist der fortschreitenden Unzufriedenheit mit Geschlechterstereotypen – und damit dem Kampf gegen die Heteronormativität - in den Rücken zu fallen. Ich hoffe daher, dass dieser Brief weder als Anmaßung, einer Frauenbewegung die Weltweisheit beizubiegen, noch als eine Rückforderung früherer Bewegungsformen erscheint.
Wenn die Tagesschau heute mit dem Mund Claus-Erich Boetzkes sagt, dass der Weltfrauentag ein vor über hundert Jahren initiierter Aktionstag für die Rechte der Frau sei, der auch heute relevant bleibe, weil immer noch nicht überall Frauen gleichberechtigt seien, dann kann auch die sachliche Stimme in mir mich nicht darüber beruhigen, wie infam hier beschönigt wird. Mag es der Grundsatz öffentlicher Medien sein neutral über "Tatsachen" zu berichten, dann zeigt dieses Zitat doch auch gleich das Scheitern eines solchen Versuchs unter unseren gesellschaftlichen Verhältnissen. Die Unterdrückung der Frau ist kein Phänomen der Vergangenheit, weder hier noch sonstwo und sie könnte es auch nicht in der BRD sein – wo man zumindest darauf hoffen kann, dass die Unterdrückung "nur noch" eine strukturelle und auch das im abnehmenden Maße ist, wenn global noch Staaten und Gesellschaften bestehen, in denen sie als Repressionsorgan gebraucht wird.
Der Zusammenhang, den man verkennt, besteht vielleicht weniger darin, dass "alle Frauen" als "Leidensgenossinnen" sonst ihre Mobilisierungsfähigkeit verlieren würden (wenn sie ihr Bewusstsein, einer gleichgerichteten Unterdrückung zu unterliegen, nicht pflegen würden), als darin, dass auch die Repression gegen Frauen anderswo eben dadurch, dass sie in ein bürgerliches Herrschaftsverhältnis eingebettet ist, genauso gesellschaftliche Verhältnisse aufrecht erhält, die hier herrschen, indem sie beispielsweise durch Absatzmärkte und günstige Importe unsere Verhältnisse stabilisieren.
Das schreibe ich nicht, um jeder Form der Veränderung zuzusprechen, die verspricht diese Verhältnisse abzuschaffen. Erst in einer bürgerlichen Gesellschaft sind die Bedingungen vorhanden, die einer Frauenbewegung Vorschub leisten können. In den Fängen von Kollektivismen, die diesen Zusammenhang verleugnen, liegt damit nicht die Freiheit sondern die Gewissheit dessen Gegenteils. In diesen Zeilen, wollte ich nur meine Überzeugung der tiefen Verknüpfung der unterschiedlichen Formen der Unterdrückung zum Ausdruck bringen.
Und auch wenn in Zeiten der queer theory berechtigte Einwände erhoben werden eine Frauenbewegung zu ersehnen, die ihrem Charakter nach die heteronormative Geschlechterverhältnisse in sich voraussetzt, gegen deren Resultate sie sich zu kämpfen vorgenommen hat, so darf doch eine neue Bewegung sie nicht vergessen
- zur Erinnerung und Hoffnung!